Cotopaxi- der Gipfel
Cotopaxi

Am Dienstagmorgen um 8 Uhr klingelte bei uns das Telefon- ein Mann von der Berghütte am Südhang des Cotopaxi war dran. Er teilte mir mit, dass er mich in 2 Stunden abholen würde, um mich zum Cotopaxi zu bringen. Das war 2 Tage früher als geplant und so packte ich in großer Hast alle notwendigen Dinge ein (im Nachhinein muss ich sagen, dass ich nichts vergessen hatte...). Mit dem Auto fuhren wir 2 Stunden bis in die Ebene vor dem Cotopaxi- dort warf mich der Bergführer quasi aus dem Auto (zum Glück nicht auch mein Gepäck) und so ging ich zu Fuß von 3100m zur Berghütte auf 4000m zu zwecks Akklimatisierung. Der Weg führte mich erst durch einen Wald von Eukalyptus-Bäumen und dann die Autopiste entlang und da das Auto des Bergführers das Einzige war, hatte ich dort meine Ruhe. Also von wegen mit dem Auto bis knapp unter den Gipfel fahren und die restlichen 200m zu Fuß- nix da!
Der Geruch des Berges war allerdings genau derselbe wie in den Alpen- schon erstaunlich.
Nach einer Stunde mündete der Weg in eine weite, wüstenähnliche Ebene- und dort bemerkte ich zum ersten Mal die tiefschwarzen Wolken, die bedrohlich näher kamen. Kurze Zeit später, ich befand mich immer noch am oberen Rand der Ebene und ließ den Blick über die weite Landschaft schweifen, hörte ich auf einmal dunklen Donner heranrollen, der laut in der Ebene widerhallte- was für ein erhebendes Gefühl und geniales Schauspiel. Weniger toll war allerdings die Regenfront, die heranrollte und mich die letzte Stunde meines Weges mit Starkregen begleitete. Völlig durchgenässt kam ich 2 Stunden und 15 Minuten später und 900 Höhenmeter weiter an der Berghütte an- wobei Berghütte untertrieben ist. Vielmehr war das ein Komplex von mehreren kleinen Häusern. Im Haupthaus wurde ich sofort herzlich mit einer heißen Suppe begrüßt- ich war übrigens der einzige Gast.








Daher hatte ich auch ein ganzes Gästehaus für mich alleine...







...und richtete mich gleich auf dem „Dachboden“ ein. Von meinem Bett aus konnte ich die gesamte, dem „Cotopaxi“ vorgelagerte Hügellandschaft und die dahinterliegenden Städte überblicken- einfach genial.










An diesem Abend konnte ich zum ersten Mal einen Blick auf den wolkenfreien Cotopaxi werfen.






So langsam kam die Dunkelheit herein und mit der Dunkelheit wurde es kalt, sehr kalt, aber auch gemütlich in der Berghütte. Denn wir (die 2 Bergführer und ich) versammelten uns vor dem Gas-Heizstrahler.
Nach einem reichlichen Abendessen ging es auch schon zu Bett. Da es in dem Gästehaus keine einzige Wärmequelle gab, musste ich mit Jacke, Mütze und 2 Lagen Decken (die 2. Decke klaute ich vom Nachbarbett- der Vorteil wenn man allein im Haus ist) schlafen, da ich andererseits wahrscheinlich erfroren wäre. Hier machte sich auch der warme Pullover aus Lamawolle aus Otavalo bezahlt.
Am Morgen wachte ich auf- seltsamerweise ohne abgefrorene Körperteile. Sich aus dem Bett zu schälen und sich in die eiskalte Umgebung zu stürzen erforderte schon einige Herausforderung- zumal so früh am Morgen. Entgegen aller Hoffnungen war es im Hauptgebäude, wo es Frühstück gab, auch nicht wärmer- und draußen waren statt der Sonne nur Nebelfetzen zu sehen.
Am Mittag galt es dann, die Ausrüstung zusammenzustellen. Wichtigste Bestandteile waren neben warmer Kleidung die Steigeisen, der Eispickel und die Stirnlampe.








Und endlich wurde auch wieder der Gasgrill angezündet- welch eine Wohltat diese Wärme...
Um 3 Uhr ging es dann los zum Campo Alto- dem Basislager und Ausgangspunkt für die Gipfelbesteigung. Dazu verluden wir unser Gepäck auf ein verdutzt dreinblickendes Pferd und begannen einsame Hügelrücken entlangzuwandern, auf denen weder Bäume noch Büsche noch Gras wuchsen- nur Flechten. Je näher wir dem Cotopaxi kamen, desto steiniger wurde der Untergrund- Vulkangestein.
Nach 2 Stunden 15 Minuten kamen wir am Campo Alto auf 4800m Höhe an. Das Zeltlager bestand aus einem ca. 10 m langen, hangarartigen Zelt, in dem man kaum stehen konnte.






Innen war es komplett dunkel und der Boden Bestand aus Sand.






Im Schein der Stirnlampen richteten wir uns ein, sprich wir rollten unsere Schlafsäcke auf zwei Türen aus und packten unsere Rucksäcke um- nur das wichtigste sollte mit auf den Cotopaxi. Endlich gab es Abendessen- im Schein einer Kerze deren Licht beim Ausatmen immer wieder durch Nebelschwaden unterbrochen wurde, denn im Großraumzelt war es kaum wärmer als draußen.






Hier machten sich die Kletterhandschuhe bezahlt, die an den Fingerspitzen offen sind und daher wärmen und gleichzeitig das feinfühlige führen des Kugelschreibers (um dieses Tagebuch zu schreiben) oder das Essen mit Messer und Gabel ermöglichen. Gegen 18:30 ging ich noch mal raus und putzte die Zähne vor der Kulisse des wolkenfreien Cotopaxi- einfach genial.
Um ca. 19 Uhr ging ich auch schon schlafen- mit 2 Paar Hosen, Mütze, Jacke und Handschuhen, in 2 Fleece- Decken gehüllt und das ganze in einen Schlafsack gequetscht- es dauerte eine geschlagene Viertelstunde bis alle Decken und Jacken in richtiger Position waren.
Doch die Nacht wurde sehr unruhig- erst ging ein pfeifender Wind und rüttelte am Zeltgestänge und dann wurde es so kalt, dass ich trotz meiner Spezial-Bekleidung fror-außerdem schmerzte die dämliche Holztür irgendwann im Rücken... All diese Faktoren trugen dazu bei, dass in der ohnehin kurzen Nacht kein Auge zugetan habe ( wie gut, dass ich die Nacht vorher 12 Stunden geschlafen habe + 1h Stunde Mittagsschlaf aus Langeweile). Denn um 0 Uhr wurde ich von meinem Bergführer aus dem Bett geschmissen, was erstaunlich leicht fiel, da ich ja nicht schlaftrunken war.
An Bergzeug brauchte ich nur den Hüftgurt anzuziehen, denn die restliche Bekleidung trug ich ja schon die ganze Nacht am Körper. Nach einem kurzen und kalten Frühstück ging es um 1 Uhr raus ind ie noch kältere Umgebung des Campo Alto- wir schalteten die Stirnlampen ein und los ging es. Zunächst führte uns der Weg recht langweilig über eine Seitenmoräne des ehemaligen Cotopaxi-Gletschers. Zum Glück war das lose Geröll festgefroren, was unser Fortkommen wesentlich erleichterte und uns einige Kräfte sparte. Nach 45 Minuten erreichten wir die Gletscherkante und legten die Steigeisen an. Von dort ging es den steilen Gletscher (einiges über 45 ° Steigung) hoch- Schritt für Schritt doch in einem noch recht zügigen Tempo.










Alles, was wir sehen konnten, waren die 5 m Eis um uns herum, die vom Schein der Stirnlampe erleuchtet wurden. So konnte man die Entfernung zu Gipfel überhaupt nicht abschätzen- was uns einige Enttäuschung und Demotivation vorenthielt.
Alle 30 Minuten machten wir 2 Minuten Pause, um die Muskeln wider mit Sauerstoff aufzufüllen, danach ging es weiter. Diesen Zyklus hielt ich bis ca. 4 Uhr durch (und ich muss sagen, dieses eintönige Bergansteigen macht entgegen aller Erwartungen Spaß)- doch allmählich ging mir die Kraft und damit auch die Lust aus- zumal wir uns schon in ca. 5400m Höhe befanden. So langsam wurden unsere Schritte (auch die des Bergführers-das muss ich zu meiner Verteidigung sagen) langsamer. Schritt- Atemzug- kurzes Innehalten (um zu überlegen wohin man am besten den nächsten Schritt macht ohne abzurutschen, was enorm Kraft kostet)- nächster Schritt. Zum Glück hatte ich genug Schokolade dabei- das Wasser allerdings konnte man nur Schluck für Schluck trinken, weil sich langsam Eiskristalle im Wasser bildeten. Diese Kombination aus Eiswasser und Schokolade gab zwar Kraft, schlug aber gleichzeitig so dermaßen auf den Magen, dass mir ziemlich schlecht davon wurde. Und irgendwann war ich dann an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht mehr weiterkonnte. Zwangsweise legten wir jetzt unsere nächste längere Pause ein (10 Minuten ;-) ). Auf dem Gletscher sitzend konnte man jetzt erstmals die Lichter Quitos sehen. Doch bei aller Euphorie für die Landschaft musste man doch sehr vorsichtig mit seiner Ausrüstung umgehen, denn eine falsche Handbewegung und das Zeug rutscht die gesamte Eisfläche herunter bis ins Tal. Dasselbe kann durchaus auch mit Menschen passieren-trotz Pickel und Steigeisen- weshalb wir in einer Mini-Seilschaft den Gletscherkante bestiegen.
Die Pause wirkte Wunder, hinzu kam die Aussicht, dass es bis zum Gipfel nur noch 1,5 Stunden waren (den gesamten Abstieg mal außer Acht gelassen). Das gab neue Kraft und so quälte ich mich die letzten 300 Höhenmeter hinter dem Bergführer her. Nach gefühlten Jahrzehnten erreichten wir um 5 Uhr 45 den Vulkankrater- direkt neben einem heißen Schlot aus dem es bedrohlich herausdampfte. Vom Kraterrand aus hatten wir eine herrliche Aussicht auf Nord- und Südgipfel und einen weiteren, inneren Krater, der von Schneemassen gebildet wurde.






Am Horizont begann es schon zu dämmern und deshalb beeilten wir uns, die letzten 10 Minuten zum Gipfel hinaufzusteigen, um von dort den Sonnenaufgang beobachten zu können.
















Um 6 Uhr 15 erreichten wir den Gipfel- das war der ersehnte Gipfelsieg!!! Der Sonnenaufgang war bombastisch, tauchte er die umliegenden Gipfel und den Kraterrand in goldenes Licht.
















(Man achte hier auf den interessanten Schatten, den der Berg wirft...)



Die Aussicht war überwältigend- überall schneebedeckte Vulkane, wie z.B. der Chimborazo. Trotz der aufgehenden Sonne war es doch enorm kalt und so beschlossen wir, sofort-ohne Pause- den Rückweg anzutreten. Das brachte meine Kondition dann endgültig aus dem Gleichgewicht. Mehr taumelnd, rutschend und fallend stieg ich Meter für Meter ab- bis ich ein Machtwort sprach und auf Spanisch sagte: „Jetzt ist Schluss- wir machen jetzt eine Pause“- mehr als „basta-pausa-aquí“ zu sagen und mich in den Schnee fallen zu lassen, brachte ich aber nicht mehr fertig. Und so machten wir dann 20 Minuten lang mitten im Steilhang Pause.















Danach ging es mir dann wieder besser und die 1000 Höhenmeter konnten über das Eisfeld abgestiegen werden.
Völlig entkräftet kam ich dann auf Campo Alto an.














Doch dort die nächste Hiobsbotschaft: Das Pferd, das unser Gepäck wieder ins Tal tragen sollte, war anderweitig im Einsatz. Und so entwickelten sich die letzten 2 Stunden der Tour zum echten Hatscher: Wir mussten nämlich jetzt noch von 4800m auf 4000 m zur Hütte absteigen- in sengender Hitze und mit dem gesamten Gepäck auf dem Rücken marschierten wir durch die sandige Einöde.









Endlich an der Hütte angekommen war man dann doch angenehm müde...
Insgesamt haben wir an dem letzten Tag eine Höhendifferenz von insgesamt 3000m bewältigt und dass in einem Gewaltmarsch von insgesamt 12 Stunden (mit nur einer Stunde Pause)